Duolingo ist mit Sicherheit mittlerweile die weitverbreitetste Sprachlern-App weltweit. Glaubt man den Hinweisen, die einem das freundliche Maskottchen ‚Duo‘ zwischen den Lerneinheiten präsentiert, so lernen mehr Menschen zur Zeit Schwedisch mit Duolingo als es schwedische Muttersprachler gibt. Laut eigenen Angaben lernen mehr Menschen in den USA mit Duolingo eine Sprache als es dort Schüler gibt (Wie das genau ermittelt wird und ob damit Downloads oder tägliche Nutzer gemeint sind, bleibt allerdings ein Geheimnis).
Ich glaube, ich habe Duolingo schon sehr früh für mich entdeckt. Obwohl ich mich an die Jahreszahl nicht erinnern kann, weiß ich, dass damals Duolingo noch völlig kostenlos war, es keine Illustrationen gab und beworben wurde mit der Idee, dass die Übersetzungen der Nutzer das Einkommen für die App generieren sollten. Um das zu verstehen, lohnt es sich, die Geschichte von Luis van Ahn, einem der Gründer von Duolingo, zu kennen. Da ich kürzlich über ein sehr interessantes Interview mit selbigem in einem npr-Podcast gestoßen bin, wollte ich das zum Anlass nehmen, hier darüber zu berichten. (Nebenbei kann ich fast alle Podcasts von npr empfehlen. Allen voran ‚Hidden Brain‚ und ‚Invisibilia‚. Eine wunderbare Art, idle time zu nutzen!). Was schon die Überschrift verrät, ist, dass dieses Modell leider so nicht funktioniert hat.
Von der Uni zum Erfinder des CAPTCHA
Luis schrieb gerade an seiner Doktorarbeit, als er einen Vortrag von einem Yahoo-Mitarbeiter hörte (Yahoo war damals noch eine große Nummer). In dem Vortrag ging es interessanterweise um die unlösbaren Probleme des Unternehmens. Eines dieser Probleme bestand in Spam. Da man bei Yahoo kostenlose Email-Accounts anlegen konnte, man aber nur soundsoviele Emails gleichzeitig verschicken konnte, wurde dies von Bots genutzt, um eine astronomische Zahl an Accounts automatisch zu generieren und mit Hilfe dieser Spam zu verschicken.
Luis kam daraufhin auf die Idee, einen Kontrollmechanismus zu erfinden, der nur Menschen den Zugang zu einem Konto erlaubt. Es musste ein Mechanismus sein, der nur von einem Wesen mit Gehirn, nicht aber mit künstlicher Intelligenz, bedient werden konnte. Nach einiger (verhältnismäßig kurzer) Programmierarbeit betreut durch seinen Doktorvater war das Prinzip der CAPTCHAs geboren, das er prompt an Yahoo verschenkte. Jeder, der nicht erst gestern das Internet entdeckt hat, wird schon einmal so einem CAPTCHA begegnet sein. Heute muss man zwar meist seine Menschlichkeit unter Beweis stellen, indem man Hydranten auf Bildern erkennt, aber früher war es üblicher, verzerrte Buchstaben auf krisseligem Untergrund identifizieren zu müssen. Da Computer bisher noch relativ schwach in Bilderkennung sind (im Vergleich zu Menschen jedenfalls), bietet sich dieses Verfahren an. Was allerdings auch kein Geheimnis ist, ist dass die Technologie einem ganz schön auf den Geist gehen kann, vor allem wenn man anfängt, die eigene Menschlichkeit infrage zu stellen, weil man immer wieder bei der Abfrage scheitert. Da auch Luis bewusst war, dass die Gesamtheit der Menschheit enorme Lebenszeit beim eintippen von Buchstaben-Zahlen-Kombinationen verschwendet, kam ein Deal mit der New York Times sehr gelegen, die das Projekt hatte, ihr gesamtes Archiv digitalisieren zu wollen. Aus erwähnten Gründen ging das nicht automatisch, sondern musste von Menschen erledigt werden. Enter CAPTCHA. Fortan musste man beim Anlegen eines neuen Accounts irgendwo nicht mehr eine, sondern zwei solcher Buchstabenfolgen entschlüsseln. Eine davon war generiert, die andere ein winziges Stück aus einem Scan einer der alten Zeitungen, die der Computer Mühe hatte zu erkennen. So konnte man die Nerven der Internetcommunity wenigstens noch einem guten Zweck zuführen (naja, und gutes Geld damit machen).
Was hat Duolingo mit CAPTCHAs zu tun?
Bei Duolingo sollte nun ein ähnlicher Ansatz zum Einsatz kommen. Die Herausforderung war, quasi crowd-gesourcte Übersetzungen anzubieten. Dazu setzten die Entwickler den Lernenden Texte in der zu lernenden Sprache vor, die in deren Muttersprache übersetzt werden sollten. Leider stellte es sich aber heraus, dass sich das Prinzip nicht so leicht übertragen ließ. Waren es beim CAPTCHA noch einzelne Wörter gewesen, die entziffert werden mussten, so ging es jetzt um ganze Sätze. Bei den einzelnen Wörtern konnte man sich sicher sein, dass wenn ein gewisser Prozentsatz der Menschen ein bestimmtes Wort erkannten, dass dieses dann mit hoher Wahrscheinlichkeit das gesuchte war. Im Fall von der Übersetzung ganzer Sätze stellt sich das natürlich deutlich schwieriger dar. Zum einen haben die Lernenden natürlich unterschiedliche Kompetenz in der Zielsprache und können grobe Fehler machen – zum anderen fallen die Übersetzungen aber auch dann unterschiedlich aus, wenn das Niveau perfekt wäre. Woher soll man also wissen, welche Übersetzung die richtige ist? Ein weiteres Problem lag in darin begründet, dass die Nutzer von Duolingo mittlerweile eher die Smartphone-App benutzten, statt der Desktop-Version. Und auf dem Smartphone schreiben sich lange Texte erfahrungsgemäß nicht so gut.

Wer die alte Duolingo App noch kennt, der erinnert sich vielleicht, dass man immer mit dem Slogan ‚friends don’t let friends pay for language learning‘ (oder so ähnlich) begrüßt wurde. Die Garantie sollte sein, dass Duolingo für immer kostenlos sein würde. Und tatsächlich hatte Luis von Ahn so viele Investoren versammeln können, dass das Geld eine ganze Weile reichte, aber irgendwann musste eben auf andere Art Geld ins Unternehmen fließen. Wenn man also nicht gerade die Daten seiner Nutzer verkaufen will und die App kostenlos bleiben soll, dann kann man eigentlich nur Werbung schalten. Laut Luis waren es dann aber die Nutzer, die sich ein Bezahlmodell gewünscht hatten, denn es gibt viele, die gern ein paar Euro zahlen, um nerviger Werbung zu entgehen. Womit wir im Heute angelangt wären.
Ist Duolingo gescheitert?
Keinesfalls, würde ich sagen. Duolingo ist immer noch in seinen Hauptfunktionen kostenlos. Tatsächlich bietet die Bezahlversion so wenige Zusatzinhalte, dass ich keine Ambitionen hätte, nur für das Abschalten der Werbung 10€ im Monat zu bezahlen. Dass das Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Übersetzungen nicht funktioniert hat, ist natürlich sehr schade, denn die Idee ist super. Gut möglich allerdings, dass sich die Sache spätestens heute aber ohnehin erledigt hatte, da Services wie Deepl oder Google Translate einfach irrsinnig gut geworden sind.