Wer es ernst meint mit dem Chinesischlernen und dabei auf digitale Tools setzt, wird früher oder später gelangweilt sein von den immer gleichen Inhalten der meisten digitalen Chinesischkurse und sich nach besserem Content umschauen. Unter den mobilen Apps gibt es dabei vor Allem eine, die oft empfohlen wird und das zu recht: Du Chinese. Du Chinese bietet eine sehr große Bibliothek von Texten und Geschichten, die nach Schwierigkeitslevel sortiert sind und von chinesischen Muttersprachlern eingesprochen sind. Für Lerner, denen die üblichen Einzeiler und Gemeinplätze, die man in vielen Sprachlernapps lernt, nicht genug sind, findet sich hier der nächste logische Schritt auf der Sprachlernreise: „Echte“ Inhalte aka. interessante Texte. Das Problem bei echten echten Inhalten ist natürlich, dass man schlechterdings nicht mit HSK2-Niveau eine chinesische Zeitung zur Hand nehmen kann und erwarten kann, dass man auch nur Bruchteile davon versteht. Gerade bei Chinesisch, wo vielen Lernern das Sprechen und Hören möglicherweise leichter fällt als das Lesen und Schreiben. Der Vorteil solcher „Graded Readers“ wie Du Chinese oder auch Pandaist, ist zum einen, dass man seine Niveaustufe aussuchen kann und zum anderen, dass es die Möglichkeit gibt, weitere Hilfen zu aktivieren wie Übersetzungen einzelner Wörter oder ganzer Sätze, Einblenden von Pinyin, farbige Markierungen etc.
Bisher schienen Du Chinese und Pandaist relativ allein auf weiter Flur zu stehen und diese waren die erste Anlaufstelle für digitale Graded Reader auf Chinesisch. Doch seit kurzem scheint es eine neue App auf dem Markt zu geben, die es mit beiden aufnehmen kann und meines Erachtens nach sehr vielversprechend aussieht: Dot Languages. Aufmerksam wurde ich auf die neue App durch einen Post auf Reddit, in dem offenbar die Macher der Software ihre App auf nicht ganz subtile Weise promoteten. Die Screenshots sahen vielversprechend aus, also probierte ich sie aus und wurde nicht enttäuscht. Dot Languages fällt zunächst durch sein modernes und freundliches Design auf. Wer das UI Design von HelloChinese mag, der wird Dot Languages auch zu schätzen wissen. Dieser Aspekt mag für viele unwichtig sein, aber für mich als gelernte Designerin ist die Optik einer App ein ausschlaggebendes Kriterium, das großen Einfluss darauf hat, wie oft und gerne ich eine App in die Hand nehme. Man könnte hier gar von einem Flow-Effekt reden, in den ich nur komme, wenn sich nicht nur der Inhalt sondern auch das Design einer App gut anfühlt. Doch auch inhaltlich hat Dot Languages viel zu bieten.
Die Hauptfunktion von Dot Languages: Texte lesen, hören, Wörter nachschlagen




Wie bei Du Chinese und Pandaist auch, besteht die Hauptfunktion von Dot darin, verschiedene Texte auf dem eigenen HSK Niveau auswählen und lesen bzw. sich anhören zu können. Ein Alleinstellungsmerkmal von Dot ist dabei allerdings, dass es zwei Optionen für die Auswahl der Texte gibt: Man kann zum einen einer kuratierten, vorgegebenen Reihenfolge folgen (Abbildung 1), die an Duolingo oder auch HelloChinese erinnert. Hierbei muss man die Texte in einer lose festgelegten Reihenfolge abarbeiten. Nach der Lektüre jedes Textes wird ein Test durchlaufen, bei dem man die gelernten Wörter/Kanji richtig übersetzen oder auch schreiben muss. Die Schreib- und/oder Hörübungen kann man dabei über die Einstellungen ausschalten, falls man sich auf das Lesenlernen konzentrieren möchte. Dieser fortlaufende Kurs ist dabei in mehrere Sektionen geteilt. Für die Stufe HSK1 gibt es bspw. 4 Sektionen, die jeweils aus 30+ kurzen Texten bestehen. Hat man alle Texte des HSK1 Levels gelesen und die dazugehörigen Tests erfolgreich abgeschlossen, hat man alle 500 Vokabeln gelernt, die nach dem neuen HSK3.0 Standard nötig sind, um das HSK1 Niveau zu erreichen.
Hilfsmittel: Pinyin, Farben und detailliertes Nachschlagewerk
Um das Lesen der Texte zu erleichtern, kann man diverse Hilfsmittel dazuschalten. Zum einen lässt sich die Pinyin-Transkription dazuschalten, aber auch gleich die ganze Übersetzung der einzelnen Sätze. Außerdem kann man eine farbliche Kodierung einschalten, die einem anzeigt, zu welchem HSK-Level die jeweiligen Wörter gehören. Dazu gibt es auch noch zwei Stufen: Entweder es werden nur solche Vokabeln markiert, die gleich oder höher dem aktuell gewähltem HSK-Level sind, oder alle Level.
Wenn man ein Wort nicht kennt, kann man es einfach anklicken und erhält dann eine detaillierte Erklärung zum gewählten Wort. Neben allen möglichen Übersetzungen und Angaben zur Wortgruppe erhält man außerdem noch eine Liste von ähnlichen Wörter und weitere Begriffe, in denen das Wort vorkommt. Für Nomen gibt es zusätzlich noch eine Liste von Zählwörtern, die mit dem Wort verwendet werden können. Außerdem kann man sich das Wort vorlesen lassen. Richtig interessant wird es dann, wenn man sich dann noch eine Stufe tiefer klickt. Bei zusammengesetzten Wörtern kann man sich dann nämlich nicht nur die Bedeutung jedes einzelnen Zeichens anzeigen lassen, sondern auch noch die Strichfolge, Merkhilfen und sogar Beispielsätze aus den Texten der App. Wem das noch nicht genug ist, der kann nun diesen Beispielsätzen folgen und gelangt dann zum entsprechenden Text, aus dem der Satz entnommen wurde. In Sachen Nachschlagefunktion wüsste ich wirklich nicht, was man sich noch mehr wünschen könnte!




Nicht nur lesen, sondern hören
Neben dem Lesen und Nachschlagen gibt es auch noch die Möglichkeit, sich die Texte vorlesen zu lassen. Hierbei kommen, soweit ich das beurteilen kann, echte Sprecher zum Einsatz und keine Computerstimme. Die Sprache könnte für die niedrigen Niveaus ruhig etwas langsamer sein, aber zum Glück bietet der Audioplayer die Möglichkeit, die Geschwindigkeit etwas anzupassen. Neben der Geschwindigkeit gibt es noch die Möglichkeit, 10 Sekunden vor- oder zurückzuspringen, zu scrollen und das war’s dann auch schon mit Optionen. Was hier – anders als bei Du Chinese – leider nicht geht, ist auf ein Wort zu klicken und den Text dann ab diesem Punkt zu hören (ein Feature, das ich bei Du Chinese lieben gelernt habe).
Vokabeln lernen mit Dot: Die Quizze
Im fortlaufenden Kurs reicht es nicht, sich den Text einmal durchgelesen zu haben, um zum nächsten zu gelangen. Damit das System weiß, dass man die Wörter auch gelernt hat, muss man eine Reihe von Tests durchlaufen. Die Quizze bestehen aus klassischen Zuordnungsspielen, die man aus unendlich vielen anderen Apps auch kennt. Mal wird ein Wort in Muttersprache vorgegeben und das richtige Kanji soll gefunden werden, mal soll das Pinyin zu einem vorgelesenen Wort gefunden werden, mal die richtigen Zeichen zum Pinyin. Aber auch Schreibübungen gibt es. Hier ist das System auch relativ strikt. Geht ein Strich daneben, wird er nicht als korrekt erkannt. Für Menschen, denen das Schreiben (erstmal) nicht so wichtig ist und die sich damit begnügen, Lesen zu lernen, können die Schreibübungen in den Settings auch ausgeschaltet werden.
Bei den Quizzen zeigt sich allerdings am ehesten, dass die App gerade erst released wurde und noch einige Kinderkrankheiten hat. Das äußert sich vor Allem darin, dass jeweils nur eine ganz bestimmte Übersetzung für ein Wort akzeptiert wird, obwohl es mehrere richtige Antworten gäbe. Schön illustriert wird das z.B. an „zhè“, das sowohl singular als auch plural sein kann. In einem Quiz wurde bei mir bspw. nur „these“ als Übersetzung akzeptiert, während drei Fragen später die Übersetzung „this“ lautete. Solche Fehler passieren leider sehr oft und werden laut den Entwicklern wohl auch noch etwas Zeit in Anspruch nehmen zu beheben.




Wörtersammlung und Favoriten
Über das Trophäen-Symbol auf der Startseite oder über das Bookmark-Symbol im Hauptmenü gelangt man zu einem Bereich, in dem alle Wörter, die man bisher gelernt hat, gelistet sind. Die Wörter können hier sowohl nach HSK-Level gefiltert werden als auch nach Stern-Abzeichen. Von diesen Stern-Symbolen gibt es fünf Stück, die verdeutlichen, wie gut man eine Vokabel bisher beherrscht. Wie genau die Wörter dort einsortiert werden oder wie oft man sie im Quiz richtig übersetzen muss, um zur nächsten Stufe zu gelangen, konnte ich bisher noch nicht herausfinden. Neben der Vokabelliste findet sich im „Bookmark-Menü“ auch eine Favoritenliste, wo Texte gesammelt werden, die man mit Herz markiert hat.




Ein echter Knaller ist allerdings der Bereich, der sich neben dem Favoriten-Bereich befindet. Hier kann man eigene Texte hochladen, die dann automatisch übersetzt und in Lektionen umgewandelt werden, sodass man sie bearbeiten kann wie alle anderen Texte auch.




Artikel-Stream
Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, was sich hinter dem zweiten Menüeintrag (dem Buch-Symbol) befindet. Hier findet man prinzipiell die selben Artikel, die auch auf dem Homescreen bzw. dem Lernpfad auftauchen. Während man allerdings auf dem Lernpfad erst einen Artikel mit Prüfung/Quiz abgeschlossen haben muss, um zum nächsten überzugehen, kann man im Artikel-Stream jeden Artikel auswählen und lesen, den man möchte. Diese sind (vermute ich) nach Aktualität sortiert, d.h. die neusten Artikel erscheinen immer oben und werden auch durch ein „New“-Badge hervorgehoben, wenn man sie noch nicht gelesen hat. Ansonsten kann man sich noch mit Hilfe des random-Symbols einen zufälligen Artikel anzeigen lassen und gelangt von hier aus auch zu den Übungen.
Fazit: Eine Empfehlung für alle ab HSK1
Dot Languages hat für mich allein schon durch sein erstklassiges Design gewonnen. Die Funktionen sind ähnlich wie bei anderen digitalen Graded Readern, allerdings macht die App einfach mehr Spaß zu benutzen. Auch der Lernpfad hilft, Systematik in das eigene Studium zu bringen und überfordert einen nicht mit einer unendlichen Zahl an Artikeln, aus denen man auswählen könnte. Ein absolut dicker Pluspunkt ist darüberhinaus, dass Dot Languages noch so frisch auf dem Markt ist, dass es komplett kostenfrei ist. Das wird sich sicher in mittelfristiger Zukunft ändern, sobald sich eine solide Userbasis gebildet hat, aber wer früh einsteigt, profitiert vielleicht noch von der kostenfreien Version oder vergünstigten Preisen. Daneben sei erwähnt, dass der Kundensupport hervorragend ist und man sowohl in-App als auch auf der Reddit-Seite des Unternehmes innerhalb weniger Stunden Antwort bekommt und Feature-Requests und Bugreports sehr dankbar angenommen werden. Für Lernende, die bei Null anfangen, würde ich zwar zusätzlich etwas anderes empfehlen, da man hier keine Erklärungen zu Grammatik o.Ä. bekommt, aber zum Supplementieren eignet sich die App schon von einem frühen Stadium an.