Auf der Suche nach einer gescheiten App zum Chinesischlernen durchforste ich regelmäßig den IPhone App-Store. Nachdem ich um 2016 dort ‚ChineseSkill‘ gefunden hatte, wurde ich kurze Zeit später auf ‚HelloChinese‘ aufmerksam. Während ersteres damals noch aussah, wie ein Duolingo-Klon, hatte letzteres schon zu Beginn viele Funktionen, die weit über das Angebot von Duolingo hinausgingen, was mich direkt angesprochen hat.
Genaues konnte ich nicht herausfinden, aber die App muss es mindestens schon seit November 2015 geben, da so weit der dazugehörige Blog zurückreicht. Vor kurzem wurde in der englischen Version der Kurs komplett überarbeitet und beinhaltet nun mehr Vokabular und einige neue Features, die es in der deutschen Version leider noch nicht gibt. Den neuen Kurs findet man unter ‚Main Course‘ und den alten unter ‚Old Course‘. Hat man bisher mit dem altern Kurs gearbeitet, wird der Lernfortschritt automatisch auf den neuen Kurs übertragen, wobei sich einige Vokabeln allerdings nicht überschneiden. Im weiteren Verlauf werden die beiden Kurse allerdings nicht synchronisiert. Man muss sich also entscheiden, ob man mit dem alten oder dem neuen weitermachen will. Um eins vorwegzunehmen: Ich finde, es lohnt sich, den neuen Kurs auf englisch zu machen, wenn das für dich infrage kommt.
Wie funktioniert HelloChinese?
Das Lernerlebnis ist dem von Duolingo im Aufbau (und sogar im Design) nicht ungleich. Es gibt etliche thematisch sortierte Kapitel, die in kurze Lektionen unterteilt sind. Die Übungen jeder Lektion sind auch alte Bekannte: Mal muss ein Satz ins oder vom Chinesischen übersetzt werden, mal einzelne Wörter zu einem Satz zusammengesetzt werden oder ein vorgesprochener Satz transkribiert werden. Nichts, was man nicht schon unzählige Male in anderen Apps gesehen hätte. Im Gegensatz zu Duolingo gibt es bei HelloChinese allerdings noch Schreibübungen für die Kanji und Videosnippets chinesischer Muttersprachler, die man sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit anhören kann. Hier punktet HelloChinese. Zwar sind die Aufnahmen der chinesischen Muttersprachler oft verrauscht und nuschelig (man hat den Eindruck es wurden einfach auf dem Campus random Studenten gefilmt, die irgendwelche Sätze in die Handykamera labern), aber gerade das schult das Hörverständnis ungemein. Zudem gibt es die Option, die Sätze etwas zu verlangsamen.
Am Ende eines jeden Kapitels gibt es noch eine extra Lektion, die das Sprechen trainieren soll. Hier wird ein Dialog mit einigen Lücken vorgegeben, den man mehrmals nachspricht und schließlich in einer Art Rollenspiel mit sich selbst performed. Dieses Feature finde ich ungemein wichtig, um das Sprechen zu üben, auch wenn es im Prinzip nur ums Nachsprechen geht. Auch beim ‚alten‘ Kurs gibt es diese Sektion. Hier heißt sie ‚Speak now/Sprich jetzt‘ und funktioniert nur wenig anders. Es werden Sätze vorgesprochen, die nachgesprochen werden müssen. Teilweise wird dabei die Transkription nicht angezeigt, was dazu führt, dass man die Sätze viel tiefer verarbeiten und verstehen muss, um sie aus dem Kopf nachzusprechen. Im neuen Kurs sind es nur einzelne Wörter, die man im Kopf behalten muss.
Nach den Lektionen hören die Ähnlichkeiten mit Duolingo aber auch schon auf. Bei HelloChinese gibt es ein Review-System, das nach dem Spaced-Repitition Prinzip funktioniert. In jeder Vokabel wird dabei gespeichert, wann man sie zuletzt korrekt erkannt hat. Schwache Vokabeln werden dann früher wiederholt als solche, die man schon sicher beherrscht. Wenn man sich die Infos zu einer Vokabel anzeigen lässt, kann man sogar sehen, auf welcher Stufe sich diese gerade befindet. In der Review-Funktion gibt es verschiedene Methoden, die man zum Üben verwenden kann. Die normale ist dabei ähnlich wie die Übungen während einer Lektion. Mit einer Pro-Mitgliedschaft kann man aber auch gezielt Hörverständnis mit Videos chinesischer Muttersprachler lernen, was ich sehr praktisch und anspruchsvoll finde. Dabei geht es aber leider nur – wie gesagt – um Hörverständnis. Auch für das Lernen der Kanji gibt es einen eigenen Bereich, der die Handschrift erkennt und gut funktioniert. Zudem kann man dann noch gezielt schwierige Vokabeln lernen, die man selbst mit Sternchen markiert hat. Wem das noch nicht reicht, der kann in der Vokabelübersicht jede einzelne (oder alle) Vokabeln auswählen und diese in Form von Karteikarten üben.
Trainingsspiele: Gut gemeint, aber schlecht gemacht
Nur kurz möchte ich hier auf die Trainingsspiele eingehen, die man sich mit einem Premium-Abo erkaufen kann. Davon gibt es eine ganze Menge, die Grammatik, Vokabular und alle Aspekte des Lernens schulen sollen. An sich ist die Idee ja gut, aber an der Umsetzung hapert’s leider etwas. Die Spiele fallen völlig aus dem ansonsten so schönen und klaren Design der App raus und wirken etwas wie aus den 90ern. Die Animationen sind nett gedacht, aber in der Praxis ist es einfach nur nervig ewig warten zu müssen bis irgendeine Animation zu Ende ist, bevor man weitermachen kann. In meinen Augen bieten die Spiele nichts, was man nicht auch mit dem normalen Review-System lernt und trotzdem sind sie der Hauptpunkt, für den man beim Premium-Abo Geld bezahlt. Konsequenterweise sind die Trainingsspiele im neuen Kurs auch nicht mehr vorhanden und werden möglicherweise irgendwann komplett verschwinden, falls der ‚alte‘ Kurs rausgenommen wird.
Immersion: Teuer und gut

Das war aber noch nicht alles. Nochmal ein ganz eigener Punkt – und fast ein eigener Kurs – sind die immersiven Lektionen (in der deutschen Version unter ‚Vertiefen‘ zu finden). Leider gibt es hier nur wenige, die kostenlos sind (für den Rest braucht man ein Premium+ Abo), aber immerhin. Diese Lektionen bestehen aus Dialogen, die von einer Art Audio-Unterricht begleitet sind, in dem von zwei Lehrern Vokabular und Grammatik erklärt werden. Oftmals gibt es sogar ein Video mit dem zu behandelnden Dialog, das dem Unterricht vorangeht.
Das Interface: Volle Punktzahl
Das Interface von HelloChinese ist das beste, was ich bisher in einer Sprachlernapp gesehen habe. Genau wie bei Duolingo kann man auf die einzelnen Wörter eines Satzes klicken und sie einzeln anhören und übersetzen. Ein großer Vorteil ist allerdings das Info-Menü, das es zu jeder Vokabel gibt. Dieses lässt sich nach der Antwort einer Übung aufrufen oder im Review-Menü. Hier findet sich nicht nur die Übersetzung und Aussprache, sondern auch das SRS (Spaced-Repitition)-Level und einige Beispielsätze. Im Review-Menü gibt es dazu nicht nur eine Vokabelübersicht, sondern auch noch Übersichten für die erlernten Kanji und Grammatikregeln. Alle können dabei einzeln mit Stern markiert werden und werden beim Wiederholen dann bevorzugt.


Einzelne Vokabeln können als Flashcards geübt werden 
Grün markierte Kanji kann ich gut, graue müssen geübt werden 
Regeln mit Stern markiert sind ’schwierig‘ und können separat geübt werden

Der eigentlich Knaller sind aber die Übersetzungen. Natürlich übersetzt HelloChinese alle Sätze und Wörter korrekt ins Englische (oder Deutsche) und zurück, aber zusätzlich erhaltet ihr (leider nur im neuen Kurs) auch eine wortwörtliche Übersetzung. Das gilt sogar für einzelne Worte. So könnt ihr zum Beispiel shen, dass das Wort xianjin (Bargeld) sich zusammensetzt aus zwei Kanji, die sich ‚derzeitiges Gold‘ lesen. Gerade um die Zusammenhänge verschiedener Worte zu verstehen und sich Eselsbrücken zu bauen ist dieses Feature Gold wert!
Das Info-Menü der einzelnen Vokabeln lässt keine Wünsche offen:
Wörtliche Übersetzung, HSK-Level, SRS Score, Beispielsätze mit Aussprache
Auch beim Erlernen der Kanji haben die Macher von HelloChinese keine Mühen gespart: Für alle zu lernenden Kanji gibt es nette Mnemonics, kleine Pictogramme mit dazugehörigen Merksätzen, die einem das Einprägen der Schriftzeichen erleichtern sollen.
Und dann gibt es noch diverse Features, die ich noch gar nicht erwähnt habe. Wie z.B. dass man einstellen kann, ob man Pinyin, Kanji oder beides anzeigen möchte, oder sogar wie sichtbar die Pinyin Schrift sein soll. Kurzum: Das Interface ist extrem liebevoll und detailliert gestaltet und erhält von mir die volle Punktzahl! Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich schon einmal eine App mit einem so durchdachten User-Interface benutzt habe.
Didaktik: Kann man mit HelloChinese was lernen?
An anderer Stelle habe ich bereits beschrieben, welche Elemente es zum Sprachenlernen braucht. Jetzt will ich wissen, ob diese bei HelloChinese auch abgebildet sind:
Input
Da der Kurs linear aufgebaut ist, ist stets sichergestellt, dass der Input dem Niveau des Lernenden entspricht. Bei der reinen Masse des Inputs kann HelloChinese zwar nicht mit LinQ mithalten, aber durch die vielen verschiedenen Übungsarten, plus den Speaking-Lektionen, den Spielen und den Immersions-Lektionen bietet HelloChinese mehr als die durchschnittliche Lernapp. Ein großer Vorteil ist zudem, dass alle Sätze von Muttersprachlern eingesprochen sind und es sogar Videos von verschiedenen Leuten gibt, an denen man sein Hörverständnis üben kann
Wahrnehmbarkeit
Was HelloChinese auch gut macht, ist die Wahrnehmbarkeit der zu lernenden Formen zu gewährleisten. Neue grammatikalische Regeln sind immer orange markiert und können dann direkt nachgeschlagen werden.
Implizites / explizites Lernen
Das Lernen funktioniert bei HelloChinese sowohl implizit als auch explizit. Oft geht es darum, Sätze zu hören und zu kopieren, was das implizite Wissen um den Aufbau der Sprache fördert. Wenn man sich unsicher ist, kann man alles aber auch jederzeit nachschlagen.
Output
Die eigene Sprache (Output) zu trainieren, ist das, was bei solchen Apps meist am schwierigsten ist. Während der Lektionen geht es zwar oft darum, einen Satz oder ein Wort vom Deutschen/Englischen ins Chinesische zu übersetzen, aber immer werden einem dafür eine begrenzte Zahl von Wörtern zur Verfügung gestellt, bzw. muss man eine von vier Übersetzungen wählen. Damit wird dann plötzlich nicht mehr die Reproduktion vom Chinesischen geschult, sondern lediglich das Wiedererkennen chinesischer Wörter. Man kann dem Abhilfe schaffen, indem man sich so diszipliniert, dass man die Antwortmöglichkeiten bewusst nicht liest und damit die Schwierigkeit erhöht. Eine gute Sache sind hier die ‚Speaking‘ Lektionen am Ende der Kapitel, wo zumindest die Aussprache und das Nachsprechen geübt wird. Zwar fällt dann die Arbeit weg, sich selbst einen Satz bauen zu müssen, aber immerhin wird das ‚muscle memory‘ trainiert und man wird zum Sprechen gezwungen.
Feedback
In Sachen Feedback und Fehlerkorrektur ist HelloChinese ganz ähnlich wie andere Sprachlernapps. Fehler werden direkt und explizit korrigiert, ohne dass man groß die Chance hätte, den Fehler zu korrigieren. Immerhin wird man kurze Zeit später nochmal auf andere Art nach dem gleichen Wort gefragt.
Interaktion
Da es in der App keine KI oder eingebauten Chat gibt, gibt es auch keine Interaktion in dem Sinne.
Kosten
Es gibt drei Modelle bei HelloChinese: Der Hauptteil des Kurses ist völlig kostenlos. Ohne einen Cent auszugeben, kommt man bei HelloChinese schon sehr weit.
Daneben gibt es dann noch das Premium und das Premium+ Abo. Premium kostet mit ~9 – 11€ im Monat etwa so viel wie die meisten anderen Apps auch. Dafür bekommt man die Review-Einheiten mit Muttersprachlern und die Trainingsspiele von fraglicher Qualität. Meiner Meinung nach lohnt sich das eher nicht.
Interessant wird es beim Premium+ Modell, das den großen Punkt der immersiven Lektionen enthält. Hier kann man schon eher über eine Anschaffung nachdenken. Wenn man diszipliniert ist und die Inhalte in strammen Tempo durchnimmt, lohnen sich möglicherweise auch die happigen 20€ pro Monat, die man dafür latzen muss. Dazu soll es sogar noch Premium-Support geben, den man auch mit Lernfragen löchern kann. Das habe ich leider nicht ausprobiert, wäre aber ein schönes Feature, wenn man so praktisch einen eigenen Tutor erhält. Dafür wären 20€ im Monat gar nicht mal viel. Allerdings glaube ich, dass man solche Fragen auch gut auf HiNative, Reddit oder irgendeiner anderen kostenfreien Plattform stellen kann.






















2 Comments