Fast jeder hat schon mal davon gehört. Viele haben die Frage schon mal beantwortet oder haben spontan eine Antwort darauf, wenn sie gefragt werden: Was bist du für ein Lerntyp? Lernst du lieber durch Bilder (also visuell), durchs Hören oder gar kinästhetisch/haptisch? Die Idee der Lerntypen und Lernstile ist bestechend, da sie so einfach und gleichzeitig so effektiv zu sein verspricht: Man ermittelt den eigenen Lerntyp, lernt fortan alle Inhalte, Sprachen, Unterrichtsfächer mit Hilfe des jeweiligen Sinneskanals, der zum Lerntyp passt und schon klappt das Lernen schneller, einfacher und nachhaltiger!
Schön wär’s, wenn es so einfach wäre. Was nämlich gerne ausgelassen wird, ist, dass es weder einen Konsens darüber gibt, welche Lerntypen es überhaupt gibt, noch darüber, ob es irgendeinen Unterschied macht, ob man beim Lernen den eigenen Lerntyp berücksichtigt oder nicht. Keinen wissenschaftlichen Konsens jedenfalls. Vielmehr gibt es eine kaum überschaubare Masse an unterschiedlichen Theorien, Definitionen und Ansätzen. Jeder Forscher, der sich des Themas annimmt – so zumindest mein Eindruck – scheint die bestehenden Theorien zu erweitern oder neu zu definieren. Und obwohl die Forschung seit mehr als einem halben Jahrhundert versucht, die Lerntypentheorie (aka. Meshing-Hypothese) zu beweisen, gibt es bisher noch keine Studie, die das überzeugend tut.
Aber von vorne..
Vester und Dunn & Dunn: Gründerväter der Lerntypen/-stile
Hierzulande bezieht man sich oft auf die Arbeit von Frederic Vester, wenn man über Lerntypen spricht. Dieser hat auch maßgeblich den Begriff geprägt (während man im englischsprachigen Raum von „learning styles“ redet). Vester beschreibt in seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen„, das 1975 erstmals erschienen ist, mehrere Lerntypen: Den visuellen Typ, den auditiven, den haptischen und den intellektuellen. Während der erste am besten durch bildliche Darstellung lernen soll und der auditive durch Kommunikation, sollte der haptische Typ die Dinge begreifen und in die Hand nehmen können, um sie zu verstehen. Der intellektuelle hingegen verstehe die Dinge „allein durch den Intellekt“. Über die Lerntypen nach Vester und die Inkonsistenzen in seinem Buch könnte man allein schon einen ganzen Artikel schreiben, aber das haben zum Glück schon andere getan.
Im englischsprachigen Raum ist die am weitesten verbreitete Theorie die von Dunn & Dunn. Diese teilen die perzeptiven (denn es gibt auch andere) Lerntypen (bzw. -stile) auf in visuell-bildlich, visuell-textlich, auditiv, kinästhetisch und taktil.
Eine andere Unterscheidungsform, die sich nicht nur auf die Sinne bezieht, sondern auch die Art des Mediums ist die Visualizer-Verbalizer-Unterscheidung. Dabei werden Visualizer Personen genannt, die Inhalte am liebsten bildhaft aufnehmen und Verbalizer solche, die textliche (sei es optisch oder akustisch) bevorzugen. Andere Forscher teilen auch die Visualizer nochmal in zwei Subkategorien auf.
Was sagt die Studienlage?
Studien zu den verschiedenen Theorien sind in den letzten Jahrzehnten hunderte, wenn nicht tausende entstanden. Doch was war das Ergebnis? In einem Review von 2008 haben Pashler et al. sich die Forschungslage angeschaut und stellten zunächst einmal ernüchtert fest, dass praktisch kaum eine Studie überhaupt ein Studiendesign vorweisen konnte, das wirklich geeignet wäre, die Frage zu klären, ob man besser lernt, wenn der eigene Lernstil/-typ berücksichtigt wird. Es gibt nämlich einiges zu beachten, wenn man diesen Effekt genau untersuchen will: Zunächst einmal muss man einen Lerninhalt finden, der sich dafür eignet, ihn für verschiedene Sinnesmodalitäten aufzubereiten. Es muss aber auch sichergestellt werden, dass der Inhalt in jeder Form gleich schwierig oder leicht zu erlernen ist. Außerdem darf es keine Vermischungen geben, das heißt in einer Versuchsanordnung darf jeweils nur ein einziger Sinn angesprochen werden. Aus diesen Gründen beschränken sich die meisten Studien darauf, den visuellen und den auditiven Lernstil zu testen. Dabei kann man leicht einen Text in schriftlicher oder auditiver Form präsentieren und sich sicher sein, dass er inhaltlich gleichwertig ist. Einen Text rein kinästhetisch aufzubereiten ist praktisch unmöglich (es sei denn vielleicht durch Braille-Schrift, aber das ist sicher nicht das, was die Entwickler der entsprechenden Theorien mit kinästhetisch gemeint haben).
Seit dem vielzitierten Review von Pashler et al., in dem die AutorInnen auch ein Backrezept für das perfekte Studiendesign präsentierten, gab es etliche Studien, die sich in der Methodik an Pashler orientierten. Rogowsky et al. führten beispielsweise 2015 und 2020 Studien an Erwachsenen und Kindern durch und fanden zwei Mal das gleiche Ergebnis: Dass Lernende, die sich selbst als visuelle Lernende einschätzten, besser abschnitten. Und zwar egal, ob sie einen Text anhörten oder lasen. Außerdem waren beide Gruppen von Probanden erfolgreicher in der Höraufgabe.
Viele weitere aktuelle Studien, die das Dunn & Dunn Modell oder auch das Visualizer-Verbalizer Modell untersucht haben, kommen zu ähnlichen Ergebnissen und keine hat bisher einen signifikanten Effekt gefunden, der darauf hindeutet, dass Lernstilpräferenzen oder Lerntypen einen Einfluss darauf haben, mit welchem Medium am besten gelernt wird. Auch nicht, wenn statt einer Selbsteinschätzung zu Lernstilpräferenzen stattdessen eine objektivere Messung durchgeführt wird (wie z.B. bei Massa und Meyer 2016 oder Kollöffel 2012)
Aber fühlen sich Lerntypen nicht intuitiv richtig an?
Aber wie kann das sein? Jeder weiß doch, dass es Menschen gibt, die z.B. ein gutes visuelles Gedächtnis haben oder ein perfektes Gehör. Muss das nicht auch einen Einfluss darauf haben, wie am besten Inhalte lernen?
Die Antwort ist wie so oft – es hängt davon ab. Die Sache ist die: Menschen mit gutem auditiven Gedächtnis können sich tatsächlich auditive Dinge besser merken. Aber eben auch nur diese. Und nicht jede Information bleibt im Kopf als auditive Information gespeichert wenn sie auf dem Weg der Ohren in unseren Kopf gelangt ist. Natürlich wird Musik als auditive Information gespeichert, denn es handelt sich um eine natürlichen auditiven Inhalt. Bekommt man allerdings eine Gutenachtgeschichte vorgelesen, dann speichern wir die Geschichte ja nicht mit der Stimme des Vorlesers ab. Stattdessen merken wir uns die Handlung der Geschichte – die Bedeutung, nicht das Medium. Und dann nützt uns auch ein gutes auditives Gedächtnis wenig. So verhält es sich auch mit den meisten anderen Inhalten. Bei den meisten geht es nämlich nicht darum, ein bestimmtes Bild oder Geräusch oder gar Gefühl abzuspeichern, sondern die Bedeutung zu erfassen. Und diese Umwandlung der Sinnesinformation in eine Bedeutung ist etwas, das später im Kopf passiert. Dann, wenn schon längst vergessen ist, auf welchem Weg die Information im Gehirn ankam.
Rohrer und Pashler drücken es so aus:
“[…] abilities vary across individuals in fairly systematic ways. For this reason, it does indeed make sense to speak of students who, in comparison with their peers, have poor visual–spatial ability and strong verbal ability, but this does not imply that such students will learn anatomy better if their textbook has few diagrams.”
Rohrer, Pashler, 2012
Quellen
Kollöffel, B. (2012): Exploring the relation between visualizer–verbalizer cognitive styles and performance with visual or verbal learning material. In: Comput. Educ. 58, 697–706.
Looß, M. (2001). Lerntypen?: Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand. https://doi.org/10.24355/dbbs.084-201809101449-0
Massa, L. J., and Mayer, R. E. (2006): Testing the ATI hypothesis: should multimedia instruction accommodate verbalizer-visualizer cognitive style? In: Learn. Individ. Dif. 16, 321–335.
Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D., & Bjork, R. (2008): Learning styles – Concepts and evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, 9(3), 105–119
Rogowsky, B. A., Calhoun, B. M., and Tallal, P. (2015): Matching learning style to instructional method: effects on comprehension. In: J. Educ. Psychol. 107, 64–78.
Rogowsky, Beth & Calhoun, Barbara & Tallal, Paula. (2020): Providing Instruction Based on Students’ Learning Style Preferences Does Not Improve Learning. In: Frontiers in Psychology. 11.
Rohrer, D., and Pashler, H. (2012): Learning styles: where’s the evidence? In: Med. Educ. 46, 634–635.
Vester, F. (1998): Denken, Lernen, Vergessen (25. Aufl.). München: dtv.