Als ich LingoDeer zum ersten Mal ausprobiert habe, gab es dort gerade mal Kurse für Japanisch, Chinesisch und Koreanisch. Mittlerweile gibt es LingoDeer seit drei Jahren und wird für zehn (Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Portugiesisch, Vietnamesisch) Sprachen angeboten. Dabei werden die Kurse nicht nur auf Englisch als Ausgangssprache angeboten, sondern auch auf Deutsch, Spanisch, Koreanisch, Russisch, etc. angeboten. Allerdings sind nicht unbedingt alle Kurse in jeder Sprache verfügbar. Wie so oft ist das Angebot auf Englisch am größten, aber auch ins Deutsche ist ein großer Teil der Kurse übersetzt.

Da LingoDeer ein chinesisches Unternehmen ist, ist der Chinesischkurs sehr gut ausgearbeitet und vermutlich einer der besten in der App. Bisher habe ich den Chinesisch- und den Japanischkurs ausprobiert und will hier meine Eindrücke schildern.

Wie funktioniert LingoDeer?

Für Chinesisch gibt es in Lingodeer (auf Englisch) insgesamt 5 Sub-Kurse: Chinese 1, Chinese 2, Fluent Chinese, Travel Phrasebook (Reise-Sprachführer) und Character (Schriftzeichen)-Drill. Auf Deutsch gibt es von diesen fünf immerhin vier, während der ‚Fluent Chinese‘ Kurs leider fehlt.

Die Hauptkurse Chinese 1 & 2 sind in Struktur und Design ganz ähnlich aufgebaut wie auch HelloChinese oder Duolingo. Es gibt thematisch sortierte Kapitel mit jeweils 2-4 Lektionen, die aus vielen kleinen Übungen bestehen. Dabei gibt es Übungen zu Hörverständnis, Übersetzungen, Fehlerwahrnehmung, Lückentexte, Sprechübungen, Schreibübungen usw. Auch das ein oder andere Video mit Aufzeichnung von verschiedenen Muttersprachlern ist zu sehen. Nichts, was man nicht kennen würde. Am Anfang jedes Kapitels gibt es außerdem Grammatik-Tipps, die man auch während der Lektionen aufrufen kann. Alle Sätze und Wörter sind dabei von Muttersprachlern eingesprochen. Wenn man unterwegs einen Fehler macht, wird man unmittelbar darauf hingewiesen und die Übung wird zu einem späteren Zeitpunkt in der Lektion nochmal wiederholt, solange, bis man die Antwort richtig gegeben hat. Hat man eine Lektion erfolgreich beendet, erhält Erfahrungspunkte (XP) und eine Übersicht über die gelernten Vokabeln und wie gut man diese gemeistert hat.

Am Ende eines jeden Kapitels gibt es dann noch eine kleine ‚Story‘. Das ist eine Art Foto-Geschichte, die sich um ein spezielles Thema dreht (Poker, Sonnensystem) und noch einmal einige neue Vokabeln beinhaltet. Zunächst wird die Geschichte gelesen, einige Fragen gestellt und später spricht man den Text selbst ein und kann seine Aufnahme ‚posten‘. Es gibt ein Leaderboard, auf dem man die Aussprache anderer beurteilen kann und auf der Liste emporklettern kann.

Zu jeder guten Sprachlernapp gehört natürlich auch eine Möglichkeit, das Gelernte zu wiederholen. Bei LingoDeer gibt es dafür eine Review(Wiederholen)-Sektion, die sehr vielseitig ist. Drei Modi gibt es zur Auswahl: Das 5-minütige Audioquiz, das 5-minütige Videoquiz und den Standard-Review-Modus. Dabei kann man sich aussuchen, welche Wörter, Schriftzeichen oder Grammatikpunkte man wiederholen möchte. Im Standard-Modus hat man nun die Wahl, wie viele Wörter man wiederholen möchte und ob man sich auf Wörter, Sätze oder Schriftzeichen konzentrieren möchte. Standardmäßig wird dann während der Abfrage ein chinesischer Satz gesprochen, den man im Kopf übersetzen soll. Nachdem man sich die richtige Antwort hat anzeigen lassen, muss man selbst beurteilen, wie gut die eigene Antwort war. Wem das zu einfach ist, der kann sich den Satz aber auch auf Deutsch anzeigen lassen und ihn ins Chinesische (Japanische, Koreanische…) übersetzen. Bei den 5-minütigen audio- und videobasierten Quizzen ist die Übersetzungsrichtung immer Chinesisch-> Deutsch.

Was mir gut gefällt ist, dass man die eigene Antwort selbst beurteilen muss, was nur Sinn ergibt, wenn man ehrlich zu sich selbst ist.

Fluent Chinese

Der Extrakurs ‚Fluent Chinese‘, den es nur auf Englisch gibt, ist vom Aufbau den Storys nicht unähnlich. Er ist eine Sammlung von Dialogen zu einem bestimmten Thema. Die Kurse sind aufgeteilt in Beginner I & II und Intermediate I. Die Bezeichnungen lassen vermuten, dass es in Zukunft noch weitere Levels geben wird. Jede Lektion ist aufgeteilt in die Sektionen ‚Listen and Learn‘, wo man sich den Dialog mehrmals und in unterschiedlicher Geschwindigkeit anhören kann, ‚Speaking Exercise‘, in der man die Sätze nachspricht, und eine ‚Writing Exercise‘, in der man einen Lückentext korrigieren muss. Letztere muss allerdings zwangsläufig mit Kanji bearbeitet werden. Eine Transkription in Pinyin gibt es hier nicht. Am Ende folgt eine Auswertung, allerdings gibt es hier im Gegensatz zum Hauptkurs keine XP und die App merkt sich nicht einmal, welche Lektionen man schon bearbeitet hat. Leider sind die Lektionen auch nicht unbedingt auf den Kurs abgestimmt, sodass man selbst bei den Dialogen vom Beginner I -Level mit vielen unbekannten Vokabeln konfrontiert ist.

Schriftzeichen-Drill: Eher ein mäßiges Nachschlagewerk

Zwar werden einem während der Standard-Lektionen hier und da auch mal Kanji beigebracht, wenn man allerdings wirklich schreiben lernen will, soll der extra Schriftzeichen-Drill-Kurs helfen. Dieser lässt allerdings doch sehr viele Wünsche offen, wie ich finde. Zunächst mal sind hier alle Kanji nicht etwa in der Reihenfolge gelistet, wie sie im Kurs vorkommen, sondern nach Radikalen sortiert. Man sucht sich also entweder mühsam alle Kanji heraus, die man in den Lektionen gelernt hat und markiert diese mit einem Sternchen, oder man fängt oben an und lernt erstmal alle Kanji der Gruppe 1, dann die der Gruppe 2 usw.. Das Schreiben-Üben funktioniert nun in drei Schritten: Erst wird eine Animation gezeigt, wie das Schriftzeichen geschrieben wird, im zweiten Schritt wird es hellgrau dargestellt, während angezeigt wird, welchen Strich man jetzt machen muss, um diesen nachzumachen und im dritten Schritt wird das hellgraue Schritzeichen weggenommen, aber immer noch der jeweils nächste Strich mit Pfeilen angezeigt. Es gibt also keine Möglichkeit, das Schriftzeichen aus dem Kopf zu schreiben, da man die Hilfe (soweit ich weiß) nicht ausschalten kann. Wirklich nervig ist außerdem, dass die Schreiberkennung sehr hakelig ist und man viele Striche mehrmals machen muss, bevor sie korrekt erkannt werden.

Wenn man sich nun ein paar Kanji auf diese Art eingeprägt hat und sie wiederholen will, gibt es dafür eine extra Review-Funktion. Hier muss man allerdings nicht etwa zu einem vorgegebenen Wort das richtige Kanji finden, sondern zu einem vorgegebenen Kanji die Strich-Reihenfolge. Das ist wirklich schade und vergebenes Potential. Der gesamte Schriftzeichen-Drill-Kurs ist für mich daher höchstens ein Nachschlagewerk, aber zum Schreiben-Üben völlig ungeeignet. Und selbst als Nachschlagewerk ist er eigentlich obsolet, da man, einmal die Logik hinter den Strichen gelernt, eigentlich weiß, wie man Kanji schreibt.

Der Reise-Sprachführer

ist eine Vokabelsammlung nach Themen sortiert mit Review-Funktion. Ganz nützlich, wenn man auf Reisen ist und sich im Restaurant mit dem Personal verständigen muss. Viel mehr aber auch nicht.

Das Interface: Viele Funktionen, wenige Bugs

Obwohl ich das Interface von der Gestaltung nicht wahnsinnig hübsch finde, ist es doch sehr funktional. Von wenigen Bugs abgesehen, die vor allem so kleine Bildschirmgrößen wie meine betreffen, gibt es nicht viel, was ich objektiv bemängeln kann. Im Gegenteil. Das Interface bietet eine Unzahl an hilfreichen Funktionen, die es ermöglichen, das Lernerlebnis auf deine Bedürfnisse anzupassen.

Zum Beispiel kann man sich aussuchen, ob man nur mit Kanji oder auch Pinyin (oder beidem) lernen will, man kann die Schriftgröße anpassen, zum Dark Mode wechseln und -was mir besonders gefällt- Animationen und Soundeffekte ausschalten, was viel Zeit spart.

Auch der Review-Modus des Standardkurses ist sehr durchdacht. Man kann einzelne Vokabeln oder ganze zu lernende Lektionen auswählen, sich auf Wörter, Sätze oder Kanji konzentrieren und die Richtung der Abfrage ändern (Chinesisch -> Deutsch oder andersrum). Während der Lektionen kann man jederzeit ein Wort anklicken, um seine Bedeutung zu erfahren und sich Grammatiktipps anzeigen lassen.

Was noch erwähnt werden sollte, ist dass die Ladezeiten der Lektionen teilweise sehr lang dauern und das Laden (zumindest bei mir) auch gerne mal stagniert und einfach nicht weiter geht, was extrem nervig ist.

Insgesamt ist das Nutzererlebnis von LingoDeer aber sehr gut. Schade nur, dass einige Dinge fehlen, wie sie bei HelloChinese implementiert sind. Ich vermisse zum Beispiel die Infokarten, die es dort zu jeder Vokabel gibt, in der sich auch Beispielsätze und wörtliche Übersetzungen der Kanji finden. Daher kann ich leider nicht 100% der Punkte vergeben.

Didaktik: Kann man mit LingoDeer etwas lernen?

Von der Didaktik unterscheidet sich LingoDeer kaum von anderen Apps wie HelloChinese oder Duolingo. Die meisten beruhen darauf, Sätze zu vervollständigen, Übersetzungen einzelner Wörter aus einer Liste von Kandidaten auszuwählen, Gehörtes zu transkribieren oder nachzusprechen. Der kritische Punkt ist immer die Menge des Outputs, den man produzieren soll. D.h. werde ich zum Sprechen animiert oder nicht? Hier scheint LingoDeer auf den ersten Blick nicht besser zu sein, als all die anderen Apps, die das Problem haben, dass sie bei Übersetzungen von Deutsch nach Chinesisch im Prinzip schon immer einen Teil der Antwort vorgeben. Es gibt allerdings eine Funktion (die wirklich gut versteckt ist), die einen immerhin selbst denken lässt bei diesen Aufgaben. Diese findet sich in der Review-Sektion unter ‚Grammatik‘. Wenn man hier auf ‚Üben‘ klickt, dann wird man endlich mal aufgefordert, einen Satz aus dem Deutschen ins Chinesische zu übersetzen und wenn man dann ‚Versuche zu schreiben‘ klickt, darf man den Satz sogar ohne Hilfestellung mit der chinesischen Tastatur (die man vorher auf dem Handy installiert haben muss) selbst schreiben. Es ist ein Jammer und eigentlich auch nicht nachzuvollziehen, dass diese Übungsform (bei LingoDeer aber auch allen anderen Apps) nicht deutlich öfter verwendet wird.

Kosten

Wie bei anderen Apps auch, gibt es bei LingoDeer Teile, die kostenfrei sind und solche, für die man ein Premium-Abo braucht. Der ganze Chinesisch Kurs 1 ist hier kostenlos, sowie der Reise-Sprachführer und der Schriftzeichen-Drill, für Chinesisch 2 braucht man ein Abo. Beim Fluent Chinese-Teil gibt es einige kostenfreie Lektionen und andere, für die man zahlen muss. Man kann also guter Dinge erstmal mit der kostenlosen Version anfangen und sich später überlegen, ob sich die Anschaffung lohnt. Beim Abo kann man dann auswählen, ob man gleich alle Sprachen oder nur eine haben will. Da alle Sprachen nicht viel mehr kosten, kann man hier ein echtes Schnäppchen machen. Außerdem gibt es auch eine Lifetime-Version, für alle, die keine Abos mögen. Die ist natürlich entsprechend teuer, aber es gibt immer mal wieder Sparaktionen. Zur Zeit zum Beispiel ist der Kurs 50% reduziert (vermutlich deshalb, weil er zuvor um 100% verteuert wurde, wenn man diesem subreddit glaubt), aber zusätzlich kann man im September ’20 nochmal 30% wegen LigoDeers 3-jährigem bestehen sparen. So bekommt man alle Sprachen in der Lifetime-Version für nur 60€, was wirklich nicht zu viel für 10 Sprachen ist, wie ich finde.

Bewertung

8

Didaktik

6.0/10

Interface / UX

8.0/10

Preis/Leistung

9.9/10

Pros

  • Funktionales Interface
  • Viele kostenfreie Lektionen
  • Vielseitige Review-Funktion

Cons

  • Lange Ladezeiten
  • Kanji lernen schlecht implementiert
  • Wenig Gelegenheit für Sprachproduktion

administrator

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert