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Wenn man sich über eine Kategorie von Sprachlernapps in den App Stores nicht beschweren kann, dann ist es die Auswahl von Vokabel- bzw. Karteikartenapps, die einem Vokabeln eintrichtern wollen. Logisch, vielleicht, denn Vokabeln pauken ist vielleicht das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man sich entschließt eine neue Sprache zu lernen. Vielleicht sind Vokabel-Apps aber auch einfach sehr viel leichter zu programmieren als komplexe Kurse mit Kursplan und Didaktik und all dem. Und deshalb wird der Markt damit nahezu überflutet. Vielleicht. Doch obwohl es scheint, als wäre Vokabellernen ziemlich straight forward, unterscheiden sich die Apps in ihrere Qualität drastisch.
Zu den verbreitetsten Apps auf dem Gebiet gehören
- Anki – eine kostenlose, schnörkellose (und recht hässliche) Karteikarten-App mit großem Funktionsumfang, die erstmal ohne Content kommt. Auf der Community-Seite findet man allerdings haufenweise Vokabelsets, die von anderen Lernern kuratiert und zur Verfügung gestellt werden. Mit drastisch variierender Qualität.
- Brainyoo – Ähnlich wie Anki, aber kommerziell. Dafür ist das Interface etwas netter
- Drops – Wunderschön gemacht, toll animiert, liebevoll gestaltet. Allerdings ein bisschen zu viel des Guten (für meinen Geschmack). Man verbringt mehr Zeit damit, zu wischen und zu glotzen als zu lernen.
- Memrise – joa. Kann man machen. Pluspunkt: Videos nativer Sprecher. Und alle Inhalte sind schon da.
- Mosalingua – bietet ca. 735 Sprachen an. Dafür ist das Interface grotte und verbuggt.
Und dann ist da noch Lingvist
Klar, der Ansatz von Lingvist ist nicht wahnsinnig revolutionär, aber Lingvist macht einfach vieles richtig. Also wie funktioniert die App?
Was ist das besondere an Lingvist?
Im Herzen ist Lingvist auch „nur“ eine Vokabelapp. Das heißt, es gibt keinen fortlaufenden Kurs, der einen durch bestimmte grammatikalische Phänomene führt und einem mit viel Text die Sprache erklärt. Vielmehr ist der ganze Zweck der App, neue Vokabeln zu lernen. Anders als bei klassischen Karteikartenapps hat man hier allerdings keine Kärtchen, bei denen es Vorder- und Rückseite gibt. Stattdessen gibt einem Lingvist jeweils einen Satz vor, in dem das gesuchte Wort fehlt. Ein typisches Lückentext-Prinzip. So weit, so simpel. Aber was bringt das?
Bei Lingvist lernt man Vokabeln immer und ausschließlich im Kontext von ganzen Sätzen. Im Unterschied zu bspw. Memrise, Drops oder Mosalingua lernt man bei Lingvist also gleich die Anwendung eines Wortes und nicht ausschließlich die muttersprachliche Übersetzung. So wird man im besten Fall dazu angeregt, gleich in der Zielsprache zu denken und nicht erst den Umweg über die Übersetzung in die eigene Sprache zu gehen.
Durch den Kontext eines ganzen Satzes knüpft das Gehirn allerlei Assoziationen und Verknüpfungen zu den Worten, die typischerweise in der Nähe der Vokabel anzutreffen sind. Am besten funktioniert das natürlich, wenn die Lückentexte gleich mehrere verschiedene Sätze für das gleiche gesuchte Wort zur Verfügung stellen. Im letzten Update der App soll das auch endlich der Fall sein. Leider waren in meiner französischen Stichprobe noch nicht viele verschiedene Sätze dabei. Meist bekommt man doch immer nur den gleichen Satz für das jeweilige Wort präsentiert. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass die Macher diesen wichtigen Punkt auf dem Schirm haben und (zumindest laut eigener Aussage) daran arbeiten.
Lingvist im Detail
Zunächst kann man bei Lingvist einen Einstufungstest machen. Das ist sehr hilfreich, wenn man eine Sprache schon einigermaßen beherrscht und sie vor allem für den Zweck nutzt, das fortgeschrittene Vokabular zu erweitern.
Anschließend kann man aus mehreren thematisch sortierten Vokabel-Listen wählen, die man lernen möchte. Standardmäßig wurde bei mir erstmal das Set „5000 häufigste Wörter“ ausgewählt, was ich auch für sinnvoll hielt. Der Einstufungstest schätzte, dass ich etwa 4000 Wörter schon kannte, daher wurden die ersten 4000 Wörter bei mir bereits als gelernt markiert und ich konnte direkt mit den letzten 1000 starten. Neben diesem Standardset gibt es noch weitere zu verschiedenen Themen, Reisen, Beruf, etc., die sich für mich allerdings alle eher nach einem niedrigeren Niveau anfühlten. Zum Glück kann man allerdings auch eigene Sets anlegen (dazu später mehr).
Die Kernfunktion: Das Quiz
Das gesuchte Wort muss man von Hand eintippen. Es gibt kein Multiple-Choice und auch keine Selbsteinschätzung – nein. Die App ist unbestechlich was das angeht. Hat man einen Buchstabendreher drin, wird der Versuch als falsch gewertet und man muss die Vokabel bald wiederholen. Etwas mehr Nachsicht gibt es allerdings bei Synonymen oder diakritischen Zeichen. Diese werden einem gern verziehen.
Das System basiert auf einem SRS (Spaced Repetition System), was bedeutet, dass man die zu lernenden Wörter im zum Lernen optimalen Abstand präsentiert bekommt, um den Lerneffekt zu maximieren. Wenn man neue Wörter beim ersten Mal richtig eingibt, werden diese direkt als gelernt markiert und fortan nicht mehr abgefragt. Lag man allerdings beim ersten Mal falsch, erhält man die Lösung, muss das Wort nochmal richtig eintippen und es steht anschließend auf Stufe 2 von 5. Bei jedem richtigen Versuch wird das Wort eine Stufe heraufgestuft, andernfalls bleibt die Stufe erhalten. Ist man bei Stufe 5 angelangt, gilt das Wort als gelernt und wird nicht wiederholt.




Eigene Vokabelsets
Weshalb sich die App auch für fortgeschrittenere Lerner lohnt, denen alle vorgeschlagenen Vokabelsets zu einfach sind, ist die Funktion eigene Sets anzulegen. Zum Glück muss man dabei nicht jede Vokabel und deren Lückensatz in irgendeine Maske eintippen, sondern man kann das bequem automatisch machen lassen. Hier bietet es sich an, die Browser-Version zu verwenden, da sie an der Stelle etwas umfangreicher ist. Man kann dabei einen beliebigen Text in ein Textfeld einfügen, ein PDF oder sogar ein Bild hochladen und Lingvist extrahiert daraus völlig selbstständig interessante Vokabeln und generiert sogar dazugehörige Sätze für das Lücken-Quiz. Die Sache ist also maximal komfortabel, effizient und super für Leute wie mich, die wenig Zeit haben, Stunden mit dem Pflegen von Vokabellisten zu verbringen. Etwas schade ist, dass Lingvist nicht einfach die Sätze aus dem eingefügten Text nimmt als Sätze für den Lückentext, aber sei’s drum. Vielleicht gibt es Gründe dafür.


Den Workflow, den ich dazu ausprobiert habe, ist folgender: In der Kindle App lese ich ein französisches Buch und markiere interessante, neue Wörter, die ich lernen will. Anschließend kann ich diese Liste an Wörtern exportieren. Die Exportfunktion von Kindle ist nicht gerade berauschend, aber zum Glück ist das Lingvist völlig schnurtz, denn es extrahiert fröhlich nur die relevanten Worte und ignoriert alles, was Englisch ist. Leider ist mir nicht ganz klar, inwiefern Lingvist eine Auswahl hier trifft. Falls jemand den Algorithmus durchschaut hat also bitte melden.
Zumindest werden schonmal alle Vokabeln ignoriert, die man bereits gelernt hat. Bei allen anderen kann man nun noch von Hand (wenn man denn will) die generierten Karten und Sätze verändern. Es gibt sogar die Möglichkeit, Lingvist zu sagen, wie viele Wörter er aus dem hochgeladenen Text extrahieren soll. Meine Empfehlung ist jedenfalls diese Funktion einfach mal auszuprobieren, denn sie ist wirklich genial! (Und viel besser als das, was man von Anki oder LingQ kennt zum Beispiel)